„Vor dem Kollaps“: Wie sich Aachen beim Kita-Ausbau verzettelt

Die Stadt Aachen hat sich beim ideologiebetriebenen Ausbau der Kindertagesstätten verzettelt. Kostenexplosion und fehlendes Personal bringen die städtische Kinderbetreuung ins Wanken. Durch unterdurchschnittliche Beitragssätze und unverhältnismäßige Betreuungsumfänge hat die Stadt eine Nachfrage erzeugt, die sie nicht bedienen kann. Nun fallen ihr die Folgen vor die Füße: Überlastungen und hohe Krankheitsausfälle beim Personal – weniger Betreuer für immer mehr Kinder. Aachen steht vor einem Kita-Chaos.

 

„Vor dem Kollaps“: Kitas so schlecht wie nie

Trotz Kosten in Millionenhöhe sinkt das Niveau der städtischen Kinderbetreuung. Pauschaliert belaufen sich die Kita-Kosten in Aachen für das laufende Jahr auf 37,7 Millionen Euro.[1] Ein Großteil dieser Summe sind Personalkosten für die mittlerweile über 700 Betreuer. Obwohl die Stadt bereits tief in Tasche greift, schlagen Gewerkschaft und Personalräte Alarm. Das System in einzelnen Kitas stehe „vor dem Kollaps“. [2] Die brüchige Personaldecke sei den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen. Immer mehr Betreuer litten unter verstärkter physischer und psychischer Belastung. Hohe Krankheitsausfälle verschärften die Situation. Von Zusammenlegungen und Schließungen ist schon die Rede. Aachens Kitas stehen so schlecht da wie nie.

Masse statt Klasse

Die ideologische Orientierung an maßlosen Versorgungsquoten, etwa 50 Prozent im Bereich der U3-Betreuung, hat die realen Kapazitäten der Stadt ignoriert. Mit deutlich unterdurchschnittlichen Beitragssätzen haben die Verantwortlichen der GroKo die Nachfrage künstlich in die Höhe getrieben. In Nordrhein-Westfalen liegen die U3-Betreungskosten für 45 Stunden in der Woche im Durchschnitt bei 189 Euro. In Aachen beträgt der Kostenpunkt nur 149 Euro.[3] Bereits 2014 hatte die Gemeindeprüfanstalt in Nordrhein-Westfalen (GPA-NRW) die Beitragssatzung in Aachen für „nicht ausreichend ausgewogen“ kritisiert und Neureglungen empfohlen.[4] Doch die Stadt Aachen setzt weiter auf Masse statt Klasse.

Aachen im Abseits

Auch bei der Bedarfsplanung der Betreuungszeiten stellt sich Aachen ins Abseits. Besonders die kosten- und personalintensive Variante der 45 Stunden-Betreuung wird in Aachen unverhältnismäßig vorangetrieben. Mittlerweile befinden sich schon drei Viertel der Kita-Kinder in Aachen in dieser maximalen Betreuungsspanne. Bei den Kindern unter drei Jahren sind es sogar über 80 Prozent.[5] Für den überdimensionierten Anteil der 45 Stunden Wochenbetreuung hatte die Stadt ebenfalls bereits 2014 Kritik seitens der Gemeindeprüfanstalt auf sich gezogen. Es sei „unwahrscheinlich, dass alle Eltern eine 45 Stunden-Betreuung wünschten“. Die entsprechende Angebotssteuerung sei „kritisch [zu] hinterfragen“, betonte die GPA.[6]

Institutionalisierte Mutter-Kind-Entfremdung

Darüber hinaus stellt die umstrittene 45 Stunden-Betreuung eine Gefahr für die psychische Gesundheit der Kinder dar. Insbesondere in den ersten Lebensjahren sind Kinder auf eine intensive und stabile Bindung zu den elterlichen Bezugspersonen angewiesen. Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung verweist darauf, daß „zu lange Trennungen von den Eltern“ in dieser Phase „einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit“ bedeuten können. Dies würde die innerseelischen „Bewältigungsmöglichkeiten“ des Kindes „überfordern“. Zu lange Trennungsphasen führten weiterhin zu erhöhten Cortisolspiegeln bei Kindern. Daher sei Ganztagesbetreuung mitverantwortlich für spätere aggressive Verhaltensmuster. Häufige Personalverschiebungen und zu große Betreuungsgruppen erschwerten es den Kindern später soziale Bindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, führt die Vereinigung aus.[7]

Fragwürdige gesellschaftliche Leitbilder

Der massive Ausbau der Kindertagesstättenbetreuung ist nicht familienfreundlich. Dahinter verbirgt sich die politische Forderung nach einer möglichst frühen Rückkehr der Mütter zur Erwerbsarbeit. Der Kita-Ausbau ist das scheinbar freundliche Gesicht einer neoliberalen Wachstumsideologie, die Frauen auf ihre Reproduktionsfunktion und Arbeitskraft reduziert. Durch die städtische Kinder-Fremdverwahrung sollen Mütter wieder für den Arbeitsmarkt verfügbar werden. Um die Domestizierung als kapitalistisches Subjekt zu fördern, wird unterdessen ein Frauenbild konstruiert, das die zur Ich-AG mobilisierte Performer-Frau als Kristallisationspunkt der Emanzipation ausgibt. In diesem Punkt kann sich neoliberales Profitstreben sogar mit linker Emanzipations- und Fortschrittrhetorik verbinden. Diese eigentümliche ideologische Melange führt seit Jahren einen verbissenen Kampf gegen das traditionelle Familienmodell aus Mann, Frau und Kindern. Nicht zuletzt die »Ehe für alle« oder das »dritte Geschlecht« legen dafür Zeugnis ab. In diesem Zusammenhang steht auch der massive Kita-Ausbau.

Kita-Chaos beenden – Familien stärken

Die Stadt Aachen muss zu einer auskömmlichen und ausgewogenen Beitragsreglung für die Kitas zurückfinden. Eine weitere Aufblähung des Kita-Apparats zu Lasten des Haushalts ist nicht wünschenswert. Die umstrittene 45-Stunden-Betreuung muss entsprechend der Empfehlung der GPA deutlich reduziert werden. Dies schont Kosten und Personal und vor allem die Gesundheit der Kinder. Das Kita-Konzept in Aachen muss wieder qualitätsorientiert ausgerichtet werden. Darüber hinaus müssen Weltbilder kritisch hinterfragt werden, die in Eltern bloß verhinderte Arbeitskraft erkennen. Es ist an der Zeit wieder ein gesellschaftliches Klima zu fördern, indem die elterlichen Leistungen wieder als fundamental anerkannt und wertgeschätzt werden.

Gleichzeitig muss eine alternative Familienpolitik auch die materiellen Rahmenbedingungen für Familien mit Kindern begünstigen. Beispielsweise durch ein Erziehungsgeld, sodaß Eltern ihre Kinder nicht aus wirtschaftlicher Not heraus fremdbetreuen lassen müssen.

 

 

Quellen

[1] Haushaltsplan 2017: http://www.aachen.de/DE/stadt_buerg.er/politik_verwaltung/haushaltsplan/haushaltsplan_2017/Haushaltspl.anentwurf-2017.pdf, S. 1700 [Zugriff am 18.11.2017].

[2] Stephan Mohne 2017. „System in einzelnen Kitas vor dem Kollaps“. Aachener Zeitung 17.11.2017. S. 13.

[3] Bei einem Jahreseinkommen von bis zu 40.000 Euro; Bund der Steuerzahler 2017. Elternbeiträge 2017 Gesamttabelle. https://www.steuerzahler-nrw.de/files/86897/Kita_Gesamttabelle_alphabetisch.pdf, [Zugriff am 18.11.2017].

[4] GPA NRW 2014. Überörtliche Prüfung. Vorbericht der Stadt Aachen 2014. http://gpanrw.de/media/1442479248_stadt_aachen_gesamtbericht_2014_internet.pdf, S. 99 [Zugriff am 18.11.2017].

[5] Kindertagesstättenbedarfsplanung Stadt Aachen 2017/ 2018. S. 88.

[6] GPA NRW 2014. Überörtliche Prüfung. Vorbericht der Stadt Aachen 2014. http://gpanrw.de/media/1442479248_stadt_aachen_gesamtbericht_2014_internet.pdf, S. 103-104 [Zugriff am 18.11.2017].

[7] Deutsche Psychoanalytische Vereinigung 2007. Krippenausbau in Deutschland – Psychoanalytiker nehmen Stellung. https://www.dpv-psa.de/fileadmin/downloads/Archiv/Dokumente/Memorandum%20Krippenaufbau%20DPV%2012%2012%2007.pdf [Zugriff am 19.11.2017].